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Regie: Lucrecia Martel
2025 Argentinien / USA / Mexiko 122 min OmeU

Stille. Planet, Wälder, Felder – Leben. Größer könnte der Kontrast nicht sein, wenn von den blauen Weltraumbildern unseres Planeten über die farbenreichen Aufnahmen der grünen Berg- und Hügellandschaften der Tucumán-Provinz im Nordwesten Argentiniens in den städtischen Gerichtssaal gewechselt wird. Akten, Papierberge, Presse, versteinerte und verzweifelte Gesichter. Personen werden durchsucht, Personalien aufgenommen, immer wieder wird der Tathergang geschildert, später auch versucht, im Feld – dem Tatort – nachzustellen. Zeug*innen werden vernommen und von Verteidigung und Anklage in die Mangel genommen.

Ausgangspunkt der Handlung dieses Filmes bildet die Gerichtsverhandlung um den Mord an Javier Chocobar, einem Mitglied der Indigenen Chuschagasta-Gemeinschaft. Im Oktober 2009 wurde er beim Versuch, das Land der Gemeinschaft vor dem Zugriff eines örtlichen Grundbesitzers und zweier ehemaliger Polizeibeamter zu schützen, erschossen. Zwei weitere Mitglieder der Gemeinschaft wurden dabei ebenfalls verletzt. Neun Jahre lang mussten die Mitglieder der Gemeinschaft aktiv dafür kämpfen, bis es zur Gerichtsverhandlung kam. Verhandelt wird nun der Mord, und mit ihm auch die Frage nach der Rechtmäßigkeit von Aufenthalts- und Besitzverhältnissen des Landes, die vermeintlich juristisch geregelt sind.

Ein Film wie ein Krimi, so immersiv, dass man fast vergisst, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt. Lucrecia Martel, eine der prägenden Regisseurinnen des argentinischen Kinos, bekannt für Spielfilme wie LA CIÉNAGA und ZAMA, legt mit NUESTRA TIERRA ihren ersten langen Dokumentarfilm vor. Das Drehbuch schrieb sie gemeinsam mit María Alché. Das Projekt entstand über einen Zeitraum von 14 Jahren und  unter Beteiligung der Chuschagasta selbst. Angehörige der Gemeinschaft teilen Fotos, Erinnerungen und teils sehr persönliche Lebensgeschichten, die zu einem einzigartigen Archiv verschmelzen.

Sie erzählen von der Verwurzelung im Land und den Geschichten ihrer Eltern und Großeltern, vom Alltag in Tucumán und den Bemühungen um ein würdevolles Leben. Ihre Geschichten handeln aber auch von Ausgrenzung und Diskriminierung, von Scham, Schweigen und Ohnmacht, und davon, für die eigene Daseinsberechtigung kämpfen zu müssen. Manche werden dabei zum ersten Mal mit ihren eigenen Wurzeln konfrontiert.

Darüber hinaus wird der Widerspruch sichtbar zwischen dem Gleichheitsversprechen, auf das sich der argentinische Staat seit seiner Gründung beruft, und der Wirklichkeit vieler Menschen im Land. Deutlich wird auch der Assimilationsdruck einer Mehrheitsgesellschaft, der Indigene Identitäten, Sprachen und kulturelle Ausdrucksformen bis heute verdrängt.

Dem stellt der Film die Hoffnung, Ausdauer und Hingabe einer Gemeinschaft entgegen, die gewaltfrei um ihre Rechte kämpft.

NUESTRA TIERRA, was übertragen „Unsere Erde“ bedeutet, wird so zu einer eingängigen Reflexion über Zugehörigkeit, über den Sinn des Besitzes von Land sowie das Recht auf ein Leben darauf; über Logiken der Diskriminierung, ebenso wie über die abwertenden Narrative über Indigene Kultur, auf die sich die Mehrheitsgesellschaft in ihrem Selbstverständnis bis heute stützt; sowie über Kontinuitäten kolonialer Landnahme, über ein System, das sich selbst schützen muss, obwohl es den Menschen in ihm dienen sollte. NUESTRA TIERRA konfrontiert mit einer Gewalt, die nicht nur einzelnes Leben auslöscht, sondern systematisch auch kollektive Identitäten.

Die bildgewaltig eingefangenen Landschaften, die unendlichen Weiten der grün bewachsenen Berghänge und Täler drängen zusätzliche Fragen auf nach der Sinnhaftigkeit von Eigentumsverhältnissen. Außerdem wird die Frage nach der (moralischen und juristischen) Rechtmäßigkeit von Landerwerb im Zuge der kolonialen Landnahme und dem Erhalt ihrer Logiken aufgeworfen, sowie nach dem Umgang mit einem Rechtssystem, welches selbst Produkt dieser historischen Konstellationen ist.

2025 feierte NUESTRA TIERRA bei den Filmfestspielen von Venedig seine internationale Premiere. Beim London Film Festival des gleichen Jahres wurde er als „Bester Film“ geehrt.

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