Die vier Kurzfilme verbinden sehr unterschiedliche filmische Formen mit Fragen nach Erinnerung, kulturellem Wissen und dessen Weitergabe. Sie erzählen von Menschen, Tieren und Objekten, die aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen herausgelöst wurden oder deren Lebenswelten von den Nachwirkungen kolonialer Herrschaft bis in die Gegenwart hinein geprägt sind. Zugleich suchen die Filme nach Formen, mit diesen Brüchen umzugehen: durch Träume und Erzählungen, durch Erinnerungen und die Rückkehr zu kulturellen Praktiken – und indem sie danach fragen, wem das Recht zukommt, Geschichten und Objekte zu bewahren, zu erzählen und mit Bedeutung zu versehen.
In FLORESTA DO FIM DO MUNDO von Denilson Baniwa und Felipe M. Bragança verbringt Suely ihre Tage in einer kleinen Wohnung in einer brasilianischen Großstadt. Sie arbeitet in einer Recyclingfabrik und sucht nach Feierabend eine Vorstadtkneipe auf, in der Melancholie und Verzweiflung herrschen, aber auch menschliche Nähe und Liebe möglich sind. In ihren Träumen öffnet sich eine Verbindung zu einer anderen Wirklichkeit. Oder ist es umgekehrt ihr Alltag, der sich als Traum erweist? Lässt sich beides überhaupt noch unterscheiden?
Der Film verbindet spekulative Fiktion mit Erzählungen und Vorstellungen aus der Kultur der Baniwa und greift dabei auf einen Traum des Baniwa-Künstlers Denilson Baniwa zurück. Die Kosmogonie der Baniwa wird nicht lediglich als kultureller Hintergrund eingesetzt, sondern beeinflusst die filmische Vorstellung von Zeit, Erinnerung und Wirklichkeit. So steht die Zusammenarbeit von Baniwa und Bragança für eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Indigene Perspektiven innerhalb des Kinos nicht nur dargestellt, sondern zum Ausgangspunkt einer Suche nach einer eigenen Form werden können.
FLORESTA DO FIM DO MUNDO ist die dritte Zusammenarbeit von Bragança und Baniwa und zugleich der Abschluss ihrer Pflanzentrilogie. Baniwa, der mit seiner künstlerischen Arbeit Indigene Gegenwart mit überlieferten kulturellen Formen verbindet und koloniale Erzählungen hinterfragt, realisiert mit dem Film erstmals ein Werk für das Kino.

