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Regie: Guillermo Quintero
2026 Frankreich / Kolumbien 97 min OmeU

Im Norden des kolumbianischen Amazonas macht sich Guillermo Quintero auf die Suche nach Sixto Muñoz, einem hochbetagten Mann, der als letzter Sprecher der Tinigua-Sprache gilt. Gerüchten zufolge hat der 105-jährige Sixto sein Haus an einer Lagune verlassen und sich auf seine „letzte Reise“ in den Wald begeben. Quintero folgt seinen Spuren entlang des Río Guayabero – in der Hoffnung, ihn noch zu finden. Doch je weiter er dieser Geschichte nachgeht, desto weniger eindeutig wird sie: Die Menschen, die Sixto gekannt oder von ihm gehört haben, erzählen Widersprüchliches.

Der Film ist weniger eine klassische dokumentarische Recherche als eine Spurensuche. Dabei verbindet Quintero die Arbeit von Linguist*innen, die Sixto Jahre zuvor interviewt und seine Geschichte anhand historischer Quellen und Archivmaterialien recherchiert haben, mit den Geschichten und Erinnerungen der Menschen aus der Region. Während sie von Sixto erzählen, führt die Kamera durch die Landschaft des Guayabero. So entsteht ein Bild, das zwischen dem Mythischen und dem Alltäglichen oszilliert. Quintero interessiert dabei besonders, wie sich die Figur eines Menschen in der kollektiven Vorstellung gerade durch seine Abwesenheit weiterbilden kann. Das daraus entstehende Porträt zeigt, wie schwer es ist, die Geschichte eines Menschen auf eine einzige Erzählung zu reduzieren.

Hinter Sixtos Geschichte steht zugleich ein Prozess kultureller Auslöschung, der sich über mehrere Generationen erstreckt: Katalanische Mönche gaben ihm den Namen Sixto anstelle seines Tinigua-Namens Sisithio („das Messer“); seine Gemeinschaft wurde bei einem Massaker getötet. Später verkaufte Sixto sein Land und gab die Tinigua-Sprache nicht an seine Kinder weiter.

Die Suche nach Sixto führt Quintero zugleich zu den Menschen, die heute in der Region leben und dort ihre eigene Existenz aufgebaut haben. Ihre Geschichten erzählen auch von der Veränderung der Landschaft: Bauern dringen zunehmend in den Wald vor, um neues Land zu gewinnen, und tragen dazu bei, dass der Wald immer weiter zurückgedrängt wird. Mit dem Verlust des Lebensraums setzt sich zugleich der Prozess fort, in dessen Verlauf Indigene Gemeinschaften der Region verschwinden.

So entsteht ein Film über das Verschwinden – und zugleich über die Schwierigkeit, dieses Verschwinden überhaupt zu erzählen. Aus der Suche nach Sixto und der Ungewissheit, ob er noch gefunden werden kann, erwächst eine weiterreichende Frage: Was bedeutet es, der letzte Zeuge einer Sprache, einer Gemeinschaft und einer Lebensweise zu sein?

RELICTO ist der dritte Teil einer Trilogie, die Quintero als eine über Jahre verfolgte Auseinandersetzung mit dem Verschwinden des kolumbianischen Waldes beschreibt. Während der Arbeit an Río Rojo (2023), der den gleichnamigen Fluss in der Region La Macarena in den Mittelpunkt stellt, hörte er erstmals von Sixto.

Quinteros eigener Hintergrund spiegelt sich in seiner künstlerischen Herangehensweise wider. Er hat Biologie in Bogotá und Philosophie in Paris studiert; seine Arbeit verbindet wissenschaftliche Beobachtung mit einer zunehmend offenen, essayistischen Form.

Zugleich stellt sich die Frage, wie sich eine solche Geschichte aus einer Außenperspektive überhaupt erzählen lässt. Damit berührt RELICTO ein grundlegendes Problem des ethnografischen Films, ohne darauf eine eindeutige Antwort zu geben. Sixto bleibt über weite Strecken eine Figur aus den Erzählungen anderer – und gerade in diesen Erzählungen vermischen sich Erinnerung, Legende und Projektion. Der Film macht diese Mechanismen sichtbar, reproduziert sie aber teilweise auch selbst: Die mythische Vorstellung von Sixto entsteht nicht allein durch die Erinnerungen der Menschen aus der Region, sondern wird durch die filmische Inszenierung seiner Abwesenheit und der Reise durch den Wald weiter verstärkt. Gerade diese Ambivalenz macht den Film produktiv: RELICTO zwingt dazu, nicht nur danach zu fragen, was von Sixtos Geschichte überliefert ist, sondern auch danach, wie und durch wen diese Geschichte überhaupt zu einem Bild wird.

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