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Regie: Semillites Hernández Velasco, Tania Hernández Velasco
2025 Mexiko 84 min OmeU

In OUR BODY IS AN EXPANDING STAR begeben sich die Geschwister Tania und Semillites Hernández Velasco auf eine gemeinsame Reise durch ihre Körper, ihre Familiengeschichte und die Landschaften, die sie umgeben. Ausgangspunkt ist eine geteilte Erfahrung von Entfremdung: Tania erzählt von der frühen Scham über die eigene Hautfarbe, Semillites von seinem Weg durch die Transition. Doch der Film verweilt nicht in der Verletzung. Er interessiert sich für das, was aus ihr hervorgehen kann: für die Möglichkeit, den eigenen Körper anders zu lesen und sich wieder anzueignen.

Was mit Tanias Wunsch begann, ihren Bruder vor der Kamera zu porträtieren, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einem gemeinsamen Prozess der Selbstbefragung. Semillites, der selbst aus der bildenden Kunst kommt, wollte Tania an seiner Seite wissen. Er bat darum, dass auch sie vor die Kamera tritt; im Gegenzug lud Tania ihn ein, hinter der Kamera mitzuwirken. Beide filmen einander, lernen voneinander und teilen die Verantwortung für das Bild, das von ihnen entsteht.

Zwischen Dokumentarfilm, Animation, Collage, Tanz und Manifest entwickelt der Film eine eigene Form des Erzählens. Er folgt keiner linearen Geschichte, sondern bewegt sich assoziativ, tastend, lauschend und fragend durch sein Material. Die Kamera bleibt den Geschwistern dabei meist sehr nah. Sie tastet Haut und Oberflächen ab, beobachtet Bewegungen, sucht Strukturen und Übergänge. Poren werden zu Wüstenlandschaften, Hautzellen zu Salzflächen; Erde und Haut teilen Farben und Texturen.

Die Verbindung von Körper und Landschaft ist dabei mehr als eine visuelle Metapher. „Der Film geht von der Prämisse aus, dass unser Körper unser erstes Territorium ist“, sagt Tania. Damit greift sie die feministische und Indigene Praxis des cuerpo-territorio auf, die den eigenen Körper als einen nicht vom Land, der Gemeinschaft und gesellschaftlichen Verhältnissen zu trennenden privaten Raum begreift. Der Körper wird vielmehr als ein Ort verstanden, in den sich Geschichte, Machtverhältnisse und Gewalterfahrungen einschreiben – und der zugleich von den Bedingungen des Territoriums geprägt ist, in dem er lebt. Im Film verbindet sich diese Perspektive mit Fragen nach Herkunft und Familiengeschichte, aber auch mit der materiellen Ausbeutung von Land und den Spuren des Extraktivismus. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper wird so zu einer Suche danach, wie sich die Beziehungen zwischen Körper, Land und Geschichte neu lesen lassen.

Wo genealogische Verbindungen abbrechen, beginnt der Film, andere Formen von Verwandtschaft zu imaginieren: mit Grashüpfern und Blumen, Fischen und Reptilien.

Die Vergangenheit wird nicht rekonstruiert, sondern hypothetisch erweitert. Fossilien werden zu einer Art spekulativem Familienalbum, Ausgrabung zu einer Form der Erinnerung. Das Graben nach dem, was unter den Oberflächen liegt, wird zu einer Suche nach Möglichkeiten, die eigene Geschichte jenseits überlieferter Identitätskategorien neu zu erzählen.

Tania beschreibt diesen Impuls so: „Der Film versucht, die Identitätskategorien aufzulösen, die wir aus den offiziellen Narrativen geerbt haben. Die Vorstellung, unsere Wurzeln seien ausgelöscht, hält uns davon ab, zu graben und kollektive Wege der Selbstentdeckung zu bahnen.“

Zuhören wird zu einer Möglichkeit, Beziehungen wieder wahrzunehmen. Der Film ist ein Familienprojekt –  und zugleich eine gemeinsame Suche nach einer Sprache für Veränderung. Eine zentrale Rolle spielt die Kraft des Umbenennens: die Freiheit, sich selbst, die eigene Geschichte und die eigene Zukunft anders zu erzählen. Für Semillites eröffnet insbesondere die Animation einen Raum, in dem sich Vergangenes und Zukünftiges neu entwerfen lassen.

Die Produktionsweise selbst ist Teil der politischen und ethischen Haltung des Films. Semillites stellte die im Kino üblichen Arbeitsrhythmen infrage, forderte Pausen und Grenzen ein und brachte damit Fragen nach Fürsorge, Vergnügen und den Bedingungen des gemeinsamen Arbeitens in den Produktionsprozess ein. Zugleich wurde die Vorstellung von Perfektion selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung: Wem gegenüber sind wir eigentlich loyal, wenn wir Perfektion anstreben – und welche kolonialen Vorstellungen wirken darin fort?

Was diese Form der Zusammenarbeit Tania gelehrt hat, fasst sie so zusammen: „Meine Geschichte reicht über meine Haut hinaus – bis in die Umarmung der Menschen, die zu mir gehören.“ Deshalb wurde der Titel des Films vor seiner Fertigstellung geändert: Aus Mi cuerpo („Mein Körper“) wurde Nuestro cuerpo es una estrella que se expande („Unser Körper ist ein sich ausdehnender Stern“).

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