REMEMBRANCE – AWARENESS – CREATION / Rückblick ART CAMP 2026

ART CAMP 2026: „Remembrance – Awareness – Creation“

„This year’s topic about remembrance is really important to me and I’m glad that the camp allowed me not only to broaden my views about it, but also to speak my mind and express my opinions to others.“

So beschreibt eine Teilnehmerin aus der polnischen Gruppe, was ihr das diesjährige ART CAMP bedeutet hat. Und genau darum geht es: Jugendliche setzen sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinander, bilden sich eine eigene Meinung und bringen diese selbstbewusst ein. Vom 3. bis 13. August 2026 kamen dafür rund 60 Jugendliche mit Lebensmittelpunkten in Deutschland, Frankreich, Polen und Italien zur mittlerweile 12. Ausgabe der internationalen Jugendbegegnung nach Lärz in die Mecklenburgische Seenplatte. Organisiert wurde das Camp von Soziale Bildung e.V. gemeinsam mit Arciragazzi (Italien), Fundacja Rodowo (Polen) und CEMEA Pays de la Loire (Frankreich). Das Gelände stellte wie jedes Jahr der Kulturkosmos Müritz e.V. zur Verfügung.

Das Thema

Unter dem Titel Remembrance – Awareness – Creation. Youth Perspectives on a Culture of Remembrance in Europe stand in diesem Jahr eine Frage im Mittelpunkt, die hochpolitisch ist: Wie erinnern wir als Gesellschaft? Denn Erinnerung ist nie neutral. Welche Ereignisse öffentlich gedacht werden, wer erzählt und wessen Perspektiven fehlen, prägt unser Verständnis von Geschichte und damit auch, wie wir heute über Demokratie, Rassismus, Ausgrenzung und Zusammenhalt sprechen. Gerade in Zeiten, in denen Geschichte wieder verstärkt umgedeutet und instrumentalisiert wird, ist es wichtig, dass junge Menschen lernen, Erinnerungskultur kritisch zu hinterfragen und selbst mitzugestalten.

Das ART CAMP bietet dafür einen besonderen Rahmen: Jugendliche aus vier Ländern bringen ihre jeweils eigenen nationalen Erinnerungsdiskurse mit, vergleichen sie und entdecken Gemeinsamkeiten und Unterschiede. So wurde im Austausch deutlich, wie aus dem kollektiven Erinnern in den einzelnen Ländern ein gemeinsames europäisches Erinnern und ein Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit entstehen kann. Die Vielfalt reichte dabei über die vier Länder hinaus: Wie Projektkoordinator Christoph Schultz gegenüber dem Nordkurier erklärte, waren auch ehemals geflüchtete Jugendliche, etwa aus Somalia, dabei, die heute in einem der beteiligten Länder leben. nordkuriernordkurier

Wie in den Vorjahren startete das Camp mit Workshops der politischen Bildung in Sprachgruppen, in denen sich die Jugendlichen in der Sprache ihres aktuellen Lebensmittelpunkts austauschen konnten. Hier wurden die inhaltlichen Grundlagen gelegt, auf denen die gesamte weitere Arbeit aufbaute.

Die Gruppe aus Deutschland, fast 20 Jugendliche vor allem aus Mecklenburg-Vorpommern, aber auch aus Berlin, Dresden und anderen Regionen, näherte sich dem zunächst abstrakten Begriff „Erinnerungskultur“ ganz spielerisch. Mit einem Memory-Spiel wurden verschiedene Formen des Erinnerns entdeckt, und schnell zeigte sich, wie viel die Jugendlichen bereits aus ihrem Alltag, aus politischen Debatten und aus ihrem Umfeld mitbrachten. Sie erklärten sich gegenseitig Beispiele und ergänzten ihr Wissen, sodass unterschiedliche Wissensstände und Perspektiven gleichberechtigt nebeneinander Platz fanden. In einer weiteren Übung wurde erlebbar, dass Erinnerungen nie unverändert weitergegeben werden, sondern durch Auslassungen, Ergänzungen und Perspektiven geformt werden. Daraus ergaben sich zentrale Fragen: Wer erzählt eine Geschichte? Was bleibt erhalten, was verändert sich, und was gerät in Vergessenheit?

Anhand konkreter Beispiele vertiefte die Gruppe diese Fragen: das rassistische Pogrom in Rostock-Lichtenhagen 1992, Erinnerungsformen innerhalb queerer Communities sowie postkoloniale Perspektiven auf Erinnerungskultur. Dabei ging es nicht nur um die historischen Ereignisse selbst, sondern darum, wer heute an sie erinnert, mit welchen Formen und welche Perspektiven in öffentlichen Erzählungen sichtbar werden oder unsichtbar bleiben. Die Jugendlichen entschieden anschließend selbst, welche Aspekte sie in ihrer Präsentation aufgreifen wollten. So wurde die thematische Arbeit zu einer eigenen Form des Erinnerns und zu einem Stück gelebter Beteiligung.

Die polnische Gruppe aus der Region Warschau und Katowice startete mit einem Spiel, das Diskussionen über Krieg und Kommunismus, über die Leistungen von Frauen und Männern in der Geschichte und auch über Fußball in Gang brachte. Ihre Präsentation zeigte in mehreren Teilen, wie vielfältig Erinnerung sein kann.

Die elf Jugendlichen aus dem Großraum Nantes hatten sich schon vor der Reise zweimal getroffen, um sich kennenzulernen und über ihre Erwartungen an die Begegnung zu sprechen. Im Camp gingen sie von persönlichen Erinnerungen aus und fragten nach ihren ersten politischen Erlebnissen, also jenen Momenten, die sie dazu gebracht haben, sich zu engagieren. Von dort schlugen sie den Bogen zu prägenden Ereignissen der französischen Geschichte wie der Revolution und dem Mai 1968 und diskutierten, wie Kunst und Erinnerung einander beeinflussen. Heraus kam ein Kurzfilm, der persönliche und historische Erinnerungen verbindet, etwa die vergangene Fußball-WM in den USA als Moment des Zusammenkommens, aber auch mit einer klaren Kritik an Rassismus im Sport.

Auch die italienische Gruppe brachte ein zentrales Kapitel ihrer Erinnerungskultur ein: das rechtsterroristische Attentat auf den Hauptbahnhof von Bologna am 2. August 1980, bei dem 85 Menschen starben und über 200 verletzt wurden. Gemeinsam mit dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen stand es während der Präsentation für die Frage, wie Gesellschaften mit rechter Gewalt umgehen und warum Erinnern notwendig ist, damit sich solche Taten nicht wiederholen. nordkurier

Die Ergebnisse der Sprachgruppen bildeten die Grundlage für die kreativen Workshops, in denen Jugendliche aus allen Ländern gemeinsam weiterarbeiteten. Hier zeigt sich der besondere Ansatz des ART CAMP: Politische Themen werden nicht nur diskutiert, sondern in eigene künstlerische Ausdrucksformen übersetzt. Christoph Schultz bringt es im Nordkurier auf den Punkt: „Wir versuchen, politische Bildung mit den Ausdrucksformen zu verbinden, die Kids cool finden“. nordkurier

Im Kunstworkshop entstanden aus Pappmaché, Karton und Sprühfarbe zunächst persönliche „Objekte der Erinnerung“, kleine Andenken, die für jeden eine eigene Geschichte tragen. Im zweiten Projekt ging es um Denkmäler und ihre Rolle für das gesellschaftliche Gedächtnis: Wer entscheidet, woran im öffentlichen Raum erinnert wird? Ausgehend von der Frage, welchen gemeinsamen Wert wir niemals vergessen sollten, bauten Kleingruppen menschengroße Monumente für Liebe, Kunst, Freundschaft und Respekt gegenüber allen Lebewesen. Die Jugendlichen wurden so selbst zu Gestalterinnen von Erinnerungsorten. Der Nordkurier hob besonders das rote Herz der Liebes-Gruppe hervor, das bewusst unperfekt gestaltet war, weil gerade die vielen Unvollkommenheiten Liebe so schön machen. Daneben fanden sich ein Vogel, ein Marienkäfer, eine riesige grüne Hand, bunte Figuren, die einander stützen, und sogar ein Playstation-Controller aus Pappe. Außerdem gestaltete der Workshop das Camp-Logo und die Plakate für die Abschlusspräsentation. nordkuriernordkurier

Im Medienworkshop lernten die Teilnehmenden, wie Geschichten durch Film erzählt werden, und damit auch, wie Medien Erinnerung formen. Von Einstellungsgrößen über die Fünf-Akt-Struktur bis zur Live-Regie mit drei Kameras erlebten sie den gesamten Produktionsprozess. Drei Gruppen produzierten eigenständig Kurzfilme: IMPACT begleitet einen Menschen mit Gedächtnisverlust auf der Suche nach seiner Geschichte, CONNECTED BY MEMORIES erzählt in ruhigen, künstlerischen Bildern von einer Beziehung über geteilte Erinnerungen, und die DOKU-REPORTERS dokumentierten mit Interviews und Aufnahmen die Arbeit in den Workshops.

Der Theaterworkshop setzte auf den Körper als wichtigstes Ausdrucksmittel. Jede Person suchte sich ein Glas aus, das zum persönlichen „Memory Jar“ wurde: Darin wurden Lieblingserinnerungen geteilt, bei einem Spaziergang über das Gelände Fundstücke gesammelt und die Gläser schließlich individuell gestaltet. Zitate von historischen Persönlichkeiten, aus Gedichten und Reden verwandelten die Jugendlichen in eigene Dialoge, Monologe und Szenen. Eine zentrale Grundlage der Arbeit war eine demokratische Gesprächskultur: Die Gruppe übte, Beobachtungen zu beschreiben, ohne sofort zu bewerten, und schuf einen Raum, in dem jede Stimme gehört wird und jeder Beitrag für sich stehen darf.

Im Musikworkshop durften erst einmal alle Instrumente ausprobiert werden, bevor sich zwei Bands und eine Producing-Gruppe bildeten. Die Bands schrieben ausschließlich eigene Songs, die Producer*innen bauten Beats mit Loopstation und Ableton Push und schrieben Raptexte. Als ein Teilnehmer früher abreisen musste, drehte die Gruppe kurzerhand ein Musikvideo mit ihm, damit er bei der Präsentation trotzdem dabei sein konnte. Zum großen Finale probten alle gemeinsam „Feel Good Inc.“ von den Gorillaz.

Am Tag der Abschlusspräsentation gab es zwar eine Sonnenfinsternis, doch die Jugendlichen hatten andere Prioritäten. Vor dem Theater verwandelten sich die Monumente in einen Skulpturenpark, den das Publikum aus Eltern, Großeltern und Gästen aus der Region aus nächster Nähe erkunden konnte. Die persönlichen Erinnerungsobjekte trugen die Teilnehmenden anschließend in den Hangar, wo sie auf einem „Altar der Erinnerung“ ihren Platz fanden. Die Show begann damit, dass nach und nach Gläser auf die Bühne gestellt und geöffnet wurden, gefüllt mit Erinnerungen. Theaterszenen, live gespielte Songs und Kurzfilme verbanden sich zu einer gemeinsamen Performance, in der persönliche Geschichten ebenso Platz fanden wie die Auseinandersetzung mit rechter Gewalt, Rassismus und der Frage, wie wir als europäische Gesellschaften erinnern wollen. Zum Schluss gab es ein witziges Video über die Camp-Tage, eine ausgelassen tanzende Menge auf der Bühne und auf der Videowand die Worte „Auf Wiedersehen im nächsten Jahr“.

Nach dem Camp ist vor dem Camp

Dass viele genau das vorhaben, zeigen die Rückmeldungen der Teilnehmenden:

„It was such a great first experience at the artcamp! I have learned so many things about the remembrance, the vision of different countries, and the ‚papier maché‘!“

„Everyone was really kind and open minded. In my opinion, we were in a safe place. There was a great atmosphere between all the participants and the teamers.“

„I had an amazing time at Artcamp 2026, it was the best year I’ve experienced out of the three! I left with so many great memories and the only ‚bad‘ thing is that it went by too fast!“

„I will never forget the place the Art Camp was set up in, every day on the festival site felt so freeing and motivating. I would love to come again next year to experience the feeling again.“

Auch hinter den Kulissen gibt es Geschichten, die zeigen, was das Camp ausmacht: Die 26-jährige Anna aus Italien war schon zum zehnten Mal dabei, früher als Teilnehmerin, heute als Teamerin und Ansprechpartnerin für die anderen. nordkurier

Zehn Tage voller Diskussionen, Kreativität, Open-Air-Kunst, Karaoke, Partys und neuer Freundschaften quer durch Europa. Die Jugendlichen haben gezeigt: Erinnern ist nichts Verstaubtes, sondern eine politische Praxis, die wir jeden Tag gemeinsam gestalten. Wer sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, übernimmt Verantwortung für die Gegenwart und für eine offene, demokratische Zukunft in Europa.

Den vollständigen Artikel des Nordkurier findet ihr hier.

Tags
Themen

Kooperation

Förderung

Ähnliche Beiträge