Der erste Mensch, der die Erde umrundete, war nicht Ferdinand Magellan, sondern ein Mann, den der Seefahrer als Sklaven kaufte und Enrique nannte. Er begleitet Magellan als Dolmetscher über die Ozeane, bis die Flotte Südostasien erreicht – die Weltregion, aus der er einst verschleppt wurde. Damit schließt sich sein Kreis um die Erde, lange bevor die wenigen Überlebenden der Expedition Spanien wiedersehen. Die Geschichtsbücher schreiben die Weltumrundung dem Mann zu, der sie nie vollendete. Auch Lav Diaz‘ Film trägt den Namen des Kolonialherren – aber er dekonstruiert Einstellung für Einstellung dessen Heldenerzählung.
Schon die erste Szene gehört nicht dem Seefahrer: Eine Frau rennt verstört durch ihr Dorf und schreit, sie habe einen weißen Mann gesehen. Dann liegt der Strand von Malakka voller Leichen. Die Eroberung des wichtigsten Handelsknotens Südostasiens sicherte Portugal 1511 die Kontrolle über den Gewürzhandel und begründete eine Kolonialpräsenz, die Jahrhunderte überdauern sollte. Magellan übersteht die Schlacht verwundet und kauft hier den jungen Malaien, der fortan an seiner Seite bleibt.
Zurück in Lissabon verweigert der portugiesische König Manuel dem ehrgeizigen Navigator die Unterstützung. Also wirbt Magellan am spanischen Hof um Geld und sticht 1519 mit fünf Schiffen in See. Er will die Gewürzinseln auf dem Westweg erreichen, indem er Südamerika umfährt, und beweisen, dass sie in jener Hälfte der Welt liegen, die der Vertrag von Tordesillas der spanischen Krone zusprach. Für die Besatzung bedeutet die Expedition Elend, Hunger und Gewalt. Nach Meutereien bleibt Magellan nur ein Bruchteil seiner Flotte. Als diese tatsächlich die Inseln rund um Cebu erreicht, Teil der heutigen Philippinen, beginnt die eifernde Missionierung. Sie bringt Massentaufen und die Zerstörungen der Taotaos, Figuren, mit denen die Bewohner*innen die Geister ihrer Ahnen und ihre beseelte Welt verehren. Der Aufstand, der losbricht, bedeutet das jähe Ende der Reise des Eroberers.
Rund 80 Prozent der Philippinen sind heute katholisch, und der Santo Niño, jene kleine Christusfigur, die Magellan mitbrachte, ist bis heute die wichtigste religiöse Ikone des Landes.
Sieben Jahre hat Diaz zur europäischen „Entdeckung“ der Inselwelt und zur vorerst missglückten Eroberung der heute noch nach einem spanischen König benannten Philippinen recherchiert. Die Quellen der Kolonisierer, allen voran die Chronik des Expeditionsteilnehmers Antonio Pigafetta, sind die einzigen schriftlichen Berichte über die Ereignisse. Diaz liest sie gegen den Strich und deutet in der Rekonstruktion der Ereignisse zentrale Figuren um. Die Überlieferung stellt Rajah Humabon, den Herrscher von Cebu, als Kollaborateur der Fremden dar. Bei Diaz ist er ein Stratege, der die Lage politisch zu nutzen weiß und den Widerstand einleitet. Und Enrique, bislang eher eine Fußnote in den Geschichtsbüchern, wird zur stillen Hauptfigur, deren Blick den Film rahmt.
In den Philippinen löste der Film eine hitzige Debatte aus, denn Lapulapu, der Nationalheld, dem die Tötung Magellans zugeschrieben wird, kommt nicht vor: Diaz stellt zur Debatte, ob dieser nicht eine Erfindung Humabons sei. So fragt der Film, wie die europäische Geschichtsschreibung an der Erfindung philippinischer Nationalhelden mitwirkte – und was aus solchen Mythen erwächst: Demagogen von Marcos Sr. bis Duterte, die laut Diaz ihre Macht auch der Erzählung über sich selbst verdanken.
Vor allem aber fragt er, wem Erinnerung gehört, und zeigt, wie man sie mitgestalten kann.
Der 1958 auf Mindanao geborene Lav Diaz gilt als zentrale Figur des Slow Cinema. Seine Werke dauern oft über fünf Stunden, viele sind schwarzweiß. Mit für ihn außergewöhnlich knappen 164 Minuten ist dieser vielleicht sein zugänglichster Film. Im 4:3-Format komponiert er Tableaus, die an die Malerei der Renaissance erinnern. Diaz dreht jede seiner langen Einstellungen nur ein einziges Mal, Schauspieler*innen spielen neben Laiendarsteller*innen – so werde jede Szene zu einem unwiederholbaren Ereignis, sagt er. Mit Gael García Bernal besetzte er erstmals einen internationalen Star, ausgerechnet als Magellan. Doch die Kamera verweigert ihm die Heldenrolle: Großaufnahmen gibt es kaum, häufig bleibt er eine Figur in der Totale, klein vor Landschaft und Meer.

