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Historisch-politische Bildung

im Kontext des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen 1992

1. gesellschaftspolitischer Kontext des Vorhabens

Der Pogrom in Lichtenhagen im August 1992, begleitet von einem wahrgenommenen Versagens staatlicher und zivilgesellschaftlicher Strukturen, gilt mehr als 25 Jahre danach weiterhin als Chiffre für

  • die populistische und instrumentalisierbaren Formierung einer Bevölkerungsmasse im Kontext gesellschaftlicher Transformationsprozesse gegen eine Minderheit;
  • Entwicklungen des Rechtsextremismus und -populismus;
  • Beschreibungen von und Positonierung ggü. Entwicklungen in Diskursen zur Migrationspolitik, insbesondere der Asylpolitik;
  • Reflexionen der An- und Herausforderungen der Integration und Teilhabe von in der BRD lebenden Menschen mit und ohne Migrationshintergrund für staatliche und zivilgesellschaftliche Strukturen.

Auch die aktuellen Bezugsnahmen auf die Ereignisse in Lichtenhagen 1992 im Zusammenhang mit Fragen der Angemessenheit staatlichen Handels gegenüber Geflüchteten vor allem aus Syrien, Irak und Afghanistan und dem starken Anstieg von Übergriffen auf Geflüchtete und Flüchtlingsunterkünften zeugt von der anhaltenden Relevanz der Chiffre innerhalb kollektiver Narrationen in der Berliner Republik. Im Kernbereich der verschiedenen Bezugnahmen verweist die Chiffre auf den Zusammenhang von in kollektiven Narrationen enthaltenen Ressentiments und strukturellen Ausschlüssen und deren Bedeutung für kollektive Handlungsdynamiken gegenüber Geflüchteten und anderen Minoritäten. Insofern stellt die Beschäftigung mit den Kontext der Ereignisse in Lichtenhagen 1992 und deren Folgen immer auch die Frage des aktuellen Umgangs mit Diskrimierungsformen.

Neben der Bedeutung der Chiffre auf der symbolischen Ebene kollektiver Narrationen sind die Ereignisse in Lichtenhagen 1992 ortsgebunden und haben in der lokalen bzw. regionalen Erinnerungskultur spezifisches Gewicht. Formen der Aufarbeitung und Bezugsnahmen von Akteuren vor Ort speisen sich deutlicher aus ihren lebensweltlichen Bezügen zu den Ereignissen.

Die andauernde regionale Aufarbeitung ist durch das Spannungsverhältnis der verschiedenen Narrationen zu den Ereignissen, ihren Auswirkungen und Bewertungen geprägt.

2. Grundverständnis des Bildungsvorhabens

Formate der historisch politischen Bildung können die Chiffre in mehrfacher Hinsicht aufnehmen und emanzipatorischen Lernprozessen zugänglich machen.

Grundverständnis des Vorhabens ist es, historisch-politische Bildung nicht auf einen zu vermittelnden Standpunkt gegenüber historischen Ereignis, der sich aus einem Kanon von darstellbaren Fakten und deren festgelegten Bewertung zu reduzieren, sondern von Akteuren in deren Erinnerung und Narrationen aktiv gestaltet wird. Benjamins Reflexion, dass ‚vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt‘1 kann hierfür programmatisch leiten. Dabei geht es nicht darum die Erinnerung an die Ereignisse einer konstruktivistischen Verunsicherung, sondern als nachwirkende (Zivilisations-2 ) Brüche im kollektiv-identitären Selbstverständnis zu verstehen und demgegenüber reflexions- und handlungsfähig zu werden.

1 Walter Benjamin, »Über den Begriff der Geschichte«, in: Gesammelte Schriften, Bd. 1-2, Frankfurt/M. 1991, 702f

2 Der Begriff des Zivilisationsbruchs ist durch Kontexte von Auschwitz und Genoziden geprägt, wird hier jedoch ebenso für Markierungen von einschneidenen Ereignissen verwendet, die das demokratische Selbstverständis des Gemeinwesen in Frage stellen und in ihrem normativen Wirkung zur Legitimierung und Reflexion der Basis und Quellen von bisher selbstverständlichem Orientierung für das Zusammenleben im Gemeinwesen auffordern.

3. Methodisch-didaktische Orientierungen des Vorhabens

Im Rahmen des Vorhabens werden Formate entwickelt, die interessen- und adressatenorientierte Lernprozesse ermöglichen. Die dokumentarische Basis ist dafür das seit 2015 sich im Aufbau befindenden Lichtenhagen-Archiv. Die Arbeit und Öffnung des Archivs wird durch Bildungsangebote begleitet werden und richtet sich vorrangig an junge Menschen, die bisher zu wenig Möglichkeiten der interessen- und lebensweltorientierter Auseinandersetzung mit den Ereignissen des Pogroms, dessen gesellschaftspolitischen Kontextes und Folgen nutzen konnten. Daher sollen neue Wege beteiligungsorientierter und digitaler Bildung realisiert werden. Weiterhin werden im Vorhaben Formate angeboten werden, die es Akteuren ermöglichen, sich für deren beruflich-pädagogischer Arbeit bzw. ihres zivilgesellschaftlichen Engagement für und mit Jugendlichen im Handlungsfeld von Erinnerungskultur(en) weiterzubilden.

Im Rahmen des Vorhabens wird Erinnerung als Lern- und Partizipationsfeld verstanden in dem:

  • Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Bedingungen und Entwicklungen als Kontext von Erinnerungsthematiken ermöglicht wird;
  • ein Beitrag für lebendige und inkludierende zivilgesellschaftlich verankerte Erinnerungskulturen als Bedingung für die Konstituierung und Entwicklung kollektiver Gedächtnisse und ihrer Korrektiv- und Orientierungsfunktion bezüglich gegenwärtiger und zukünftiger Herausforderungen geleistet werden.

Durch die schrittweise zu entwickelnden Bildungsformate sollen 3 Bildungsprogrammstränge etabliert werden:

1. an der Erinnerungsthematik ‚Pogrom in Rostock-Lichtenhagen 1992‘ anknüpfenden Bildungsprogrammatik (u.a. Ereignis an sich, DDR-Transformation, Asylpolitik der BRD, Rassismus, Rechtsextremismus und -populismus)

2. über die konkreten Auseinandersetzung mit dem Themenfeld ‚Pogrom in Rostock-Lichtenhagen 1992‘ hinausgehende verallgemeinerbare bzw. weiterführende Diskurs (u.a.Menschenrechte, post-kolonialer Diskurs, Post-Migration)

3. Kompetenzvermittlungsformate (u.a. Methodik/Didaktik historisch politischer Bildung,kulturelle Bildung, Prozessmoderation Partizipationsverfahren, dialogorientiertes Arbeiten mit und zwischen Gruppen)