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Der Artikel über die Arbeit des Modellprojekts "Demokratiestärkende Bildungsarbeit im ländlichen Raum" und zusammengefasste Ergebnisse unserer Schulstudien erschien in der Mai/Juni-Ausgabe 2009 der Zeitschrift "DER RECHTE RAND".
Die Arbeit eines Modellprojekts in Mecklenburg-Vorpommern (MV)
Soziale Bildung e.V. aus Rostock führt seit 2007 in MV das Modellprojekt „Demokratiestärkende Bildungsarbeit im ländlichen Raum“ durch, das Forschung, Bildung, Beratung, Projektentwicklung und Netzwerkarbeit verbindet. Im Rahmen des Projektes wurden 13 Schulsozialräume in MV sozialwissenschaftlich untersucht.
Dafür wurden v.a. Orte in peripheren und strukturschwachen Regionen ausgewählt, da hier nach Jahren des drastischen Bevölkerungsrückgangs und sozioökonomischer Abkopplungsprozesse die Lücken der sich zurückziehenden Zivil¬gesellschaft gezielt von Neonazis besetzt werden. Die Studie hatte zum Ziel, neue Handlungsspielräume in der Auseinandersetzung mit menschenfeindlichen Positionen in den Schulen zu eröffnen und die Potentiale der Zivilgesellschaft zu analysieren. Neben Eltern und LehrerInnen wurden über 710 Jugendliche der Klassenstufen 8 und 9 an 13 Schulen in den Landkreisen Bad Doberan, Demmin, Güstrow und Nordvorpommern befragt - u.a. zu ihren politischen Einstellungen, Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Schule und ihrer Freizeit. Ergänzt wurde die Befragung durch 50 Interviews mit Lehrkräften, zivilgesellschaftlichen Akteuren und durch Recherchen in den Sozialräumen.
Schlaglichter aus der Provinz – Die Situation vor Ort „Du hast keine Freizeitmöglichkeiten? Wir geben dir welche.“ – so bringt ein Sozialarbeiter die Strategien der Neonazis in Dörfern des Landkreises Bad Doberan auf den Punkt. Deren subversive Vorgehensweise zeigt ihren Erfolg, der durch mangelnde Angebote und fehlende jugendkulturelle Alternativen verstärkt wird. So werden Jugendclubs in dieser Region durch rechte Cliquen besetzt, gerade dort, wo keine professionelle Jugendarbeit stattfindet. Nichtrechte Jugendliche haben dann die Wahl, sich dem rechten Mainstream anzupassen oder Zuhause zu bleiben.
In einer Kleinstadt in Vorpommern gelingt es Neonazis bspw. mit einer Hardcoreband an den Interessen der jungen Menschen anzudocken - über die „Musikschiene“ werden sogar alternative Jugendliche erreicht. In diesem Fall konnte die Band zeitweilig im örtlichen Jugendclub proben, ohne dass deren neofaschistische Ausrichtung bekannt wurde. In solchen Orten verschwimmen die jugendkulturellen Abgrenzungen, so dass sowohl eine Verdrängung nichtrechter Jugendlicher stattfindet, als auch deren Assimilation durch die rechte Jugendkultur. Die lokale Naziszene konnte sich hier durch eine Praxis in der Jugendarbeit festigen, in der die Einbindung der Klientel in rechte Strukturen zugunsten einer wohlmeinenden pädagogischen Beziehungsarbeit übersehen wurde. Das rechte Idyll wird hier auch schon mal alltagsästhetisch von einer beschaulichen Sitzgruppe unter einem „Galgen“ komplettiert – gesehen hinter einem Jugendclub. Konkrete Bedrohungsszenarien ergeben sich für alternative Jugendliche dann, wenn bspw. durch Graffitis zur Gewalt gegen sie aufgerufen wird, ohne dass es die EinwohnerInnen der Gemeinden zu interessieren scheint. Dass diese Ignoranz auch von einigen Gemeindevertretern tradiert wird, illustriert ein Jugendarbeiter aus M. am Beispiel des örtlichen Bürgermeisters, dessen Sohn in rechten Strukturen aktiv ist: „Ich kann natürlich als Bürgermeister sagen: ‚Was, es gibt hier rechte Jugendliche? Dann zeig mir doch mal einen.‘ Wo ich dann ernsthaft denke: ‚Mann, einer wohnt bei dir zu Hause.‘“ Es sind aber auch Fanclubs von örtlichen Fußballvereinen, wie in Bützow und Malchin, an denen sich die lokale Neonazi- oder Kameradschaftsszene offensiv beteiligt. In einer anderen Kleinstadt gruppieren sich rechte Jugendliche um einen Klamottenladen, der neben den üblichen Marken Erik and Sons oder Thor Steinar auch Rechtsrock und faschistische Literatur vertreibt. Die jugendkulturelle Bedeutung dieses Ladens ist in der 3.000-Einwohner-Stadt nicht zu unterschätzen – vor allem dann, wenn Schule als demokratische Instanz versagt. Ein Jugendlicher, der als Wortführer einer rechten Clique in der Schule agiert, leistete in dem Geschäft sogar sein Schülerpraktikum ab. Einzelne PädagogInnen bemühten sich zwar um Intervention, scheiterten aber an mangelnder Erfahrung, fehlenden Beratungsmöglichkeiten sowie unzureichender kollegialer Unterstützung in der Schule – zum Glück ein Einzelfall.
Extrem rechte Orientierungen Einen wichtigen Teilbereich unserer Studie stellen neben allgemeinen Einstellungen auch extrem rechte Orientierungen der SchülerInnen dar, die durch Fragen zu rechten Ideologieelementen erhoben wurden. Ein unzureichend ausgeprägtes Nationalbewusstsein kann unter den Jugendlichen nicht festgestellt werden: 66% der SchülerInnen geben an, dass sie stolz sind, Deutsche zu sein. Nur jeder Fünfte meint dagegen, dass seine Nationalität ihm (eher) nichts bedeute. Völkische Denkmuster sind in diesem Zusammenhang bei 28% festzustellen, die ihre Nationalität mit einem Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Menschen verbinden. Ebenso sind alltagsrassistische Einstellungen weit verbreitet: 66% meinen zumindest teilweise, dass Ausländer mit deutschem Pass nie Deutsche werden könnten, die angebliche Gefahr der „Überfremdung“ durch den Zuzug von Ausländern wird von 51% gesehen. Ca. 40% sind der Meinung, dass es in ihrer Region „zu viele Ausländer“ gibt – trotz der Tatsache, dass in den Untersuchungsräumen nur wenige Menschen mit Migrationshintergrund leben. Gerade 6% der Jugendlichen geben an, in ihrem Wohnort tatsächlich Kontakt zu Menschen anderer Herkunft zu haben. Erst bei eindeutig rassistischen Aussagen, wie „Ausländer sind Menschen, mit denen ich nicht zu tun haben will“ und „Ausländer sind alles Kriminelle“ sinken die Zustimmungsquoten auf 26% bzw. 28%. Antisemitische Stereotype werden ebenfalls von vielen Befragten vertreten. 36% bzw. 33% stimmen den Aussagen voll oder eher zu, dass „Juden Leute seien, die etwas Eigentümliches an sich haben“ sowie an „ihrer Verfolgung im Dritten Reich nicht ganz unschuldig“ gewesen sind. Bei positiven Bezugnahmen auf das nationalsozialistische Regime sinkt die Zustimmung deutlich. So lehnen 18% der Jugendlichen die Aussage ab, dass der Nationalsozialismus sich nicht wiederholen dürfe; 22% halten den Nationalsozialismus für eine gute politische Idee. Offener Neonazismus wird somit nur von einem relativ kleinen Teil der Jugendlichen vertreten, allerdings sind in einigen Schulen alltagsrassistische Meinungsbilder in der untersuchten Altersgruppe mehrheitsfähig. Über die jugendkulturelle Zuordnung war es auch möglich die Andockfähigkeit der neofaschistischen Szene unter den SchülerInnen zu bestimmen. Die „Rechte Szene“ ist zwar die Jugendkultur, die mit 52% die höchste Ablehnung erfährt. Immerhin 6,2% fühlen sich aber dieser Gruppierung zugehörig und weitere 7,3% sympathisieren mit ihr. Ähnlich hoch sind mit 16% Zugehörigkeit bzw. Sympathie die Zuordnungen zu den „Freien Nationalisten“. Diese Querschnittsergebnisse sollen aber nicht über die Unterschiede zwischen den Sozialräumen hinwegtäuschen. Während in drei Schulen Neonazis keinerlei Sympathien genießen, zählt die „Rechte Szene“ an anderen Standorten zu der wichtigsten politischen Jugendkultur. Die befragten LehrerInnen schätzen meist nur eine kleine Minderheit der Jugendlichen als „rechtsextremistisch“ orientiert ein. Unserer Einschätzung nach reagieren LehrerInnen häufig nur dann, wenn es zu gewalttätigen Übergriffen kommt oder sie mit rechten Parolen im Unterricht konfrontiert werden. Weniger offensichtliche rechte Einstellungspotentiale der SchülerInnen bleiben oftmals unbeachtet. „Dann ist es nur Löschen des Feuers und Regeln eines kleinen Problems, aber das Grundproblem wird nicht angefasst.“(Jugendarbeiter, G.)
Was kann politische Bildung leisten? Der bisherige Umgang mit Neofaschismus an Schulen und damit auch deren Offenheit für neue Ansätze und Kooperationen gestaltet sich nach unseren Erfahrungen durchaus ambivalent. Auf der einen Seite gibt es sehr engagierte Schulen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass z.B. das Engagement gegen Rechts Querschnittssthema ist, gemeinsame Projekte mit SchülerInnen gegen Rechts initiiert werden, Lehrkräfte diese Themen auch außerhalb des Unterrichts aufgreifen, sich deutlich nach außen positionieren und mit zivilgesellschaftlichen Partnern eng zusammenarbeiten. Hier ist es gelungen den Einfluss der rechten Szene wirkungsvoll einzudämmen. An anderen Schulen ist zwar der Wille vorhanden, menschenfeindlichen Orientierungen entgegenzuwirken. Die Hauptverantwortung wird oftmals bei externen Bildungs- und Projektträgern gesehen, während eine hinreichende Motivation nur bei einzelnen LehrerInnen gegeben ist und starke Unsicherheiten im Umgang mit extrem rechten Aktivitäten im Umfeld der Schule nach wie vor bestehen: „Aber das treffende Argument, dass ich den [...] mit Worten entwaffnen kann, fehlt mir.“(Lehrerin, N.) Neben fundierten Kenntnissen über die rechte Szene, fehlen den PädagogInnen häufig geeignete Strategien und Methoden. Sie agieren teils autoritär und undifferenziert gegen nonkonforme Jugendkulturen wie Punks, die mit neonazistischen Gruppierungen gleichgesetzt werden. Parallel dazu wird in Diskussionen mit LehrerInnen über Neonazis in einem Atemzug die Auseinandersetzung mit dem „Linksextremismus“ gefordert – auch, wenn es vor Ort keine linke Jugendkultur gibt oder diese permanenten Übergriffen ausgesetzt ist. Einige Schulen vermeiden die Auseinandersetzung mit rassistischen und rechtspopulistischen Argumentationen oder bearbeiten diese höchstens durch einen autoritären Erziehungsstil und einmalige Projekte, die das „Problem“ interventiv lösen sollen. Dies ist auch dort der Fall, wo rechte Jugendliche in einzelnen Klassen eine Art Meinungsführerschaft übernehmen, wie bspw. ideologisch geschulte Kinder aus dem Umfeld der völkischen Siedlungsbewegung der Artamanen in einer Kleinstadt. Diese Schulen konnten durch das Modellprojekt nicht erreicht werden, da eine langfristige und notwendige öffentliche Auseinandersetzung nicht gewünscht war. Mit der Gründung Lokaler Aktionspläne und Regionalzentren für Demokratie und Toleranz wurde eine Vielzahl neuer Aktivitäten gestartet. Inwieweit diese Initiativen einen längerfristigen Effekt im ländlichen Raum erzielen können, ist derzeit noch nicht abzuschätzen. Mit unserem Projekt wollen wir die beginnenden „Klimaänderungen“ und Vernetzungsbemühungen in den Kommunen unterstützen und dabei Schule als Bastion der Zivilgesellschaft gegen Neofaschismus stärken. Ein erster Baustein war die Sozialraumanalyse und ein darauf abgestimmtes Paket an pädagogischen Handlungsempfehlungen, deren Inhalte von den Akteuren nun umgesetzt werden können. An einzelnen Schulen werden derzeit aufbauende Bildungs- und Beratungsansätze gemeinsam mit freiwilligen Jugendlichen im Rahmen eines Peer-Ansatzes entwickelt. Die Konzepte und Erfahrungen wollen wir vor Projektende nicht nur in andere Regionen multiplizieren, sondern vor allem Selbstorganisation, Engagement und Stärkung nichtrechter Jugendlichen in den Dörfern und Kleinstädten erreichen.
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